Wiedersehen mit einem alten Freund
Um 13:59 Uhr bestieg ich heute den Zug nach Slubice. Ich kann mich nicht erinnern, dass mir die etwa einstündige Zugfahrt jemals so lang vorgekommen ist. Aber meine Vorfreude war so groß, dass sich die Minuten bis zur Grenze endlos dahinschleppten. Ziel meiner Reise war eine kleine Garage im Dorf Kunowice. Jan, der Besitzer hatte mir damals, bei meinem ersten Besuch einen Schlüssel anvertraut. Der beißende Geruch von altem Motorenöl stieg mir in die Nase, als die Tür hinter mir ins Schloß fiel.
Da stand er, unser alter Benz. Jedesmal, wenn ich ihn wiedersehe, stürmen dieselben Bilder auf mich ein: Da sind die endlosen Urlaubsfahrten nach Frankreich, mein Vater vorne am Steuer, daneben meine Mutter, lesend. Robin und ich schlafend auf dem Rücksitz. Da ist meine Mutter, wie sie jeden Samstag einem genau festgelegten Ablauf folgend den Wagen auf Hochglanz bringt. Ich sehe meine erste "heimliche" Fahrstunde mit 16 auf dem Grundstück von Onkel Ebi. Meine erste Spritztour mit Sonja, meiner damaligen Freundin an die Ostsee. Die zwei Monate, die der Benz mein Zuhause gewesen ist, nach dem ich bei Sonja rausgeflogen war. Und da ist Robin, mein Bruder, an jenem Tag, an dem wir uns zum letzten Mal gesehen haben. Wir hatten ihn mit dem Benz zum Flughafen gefahren, meine Eltern und ich und er winkte mir zu als er hinter der Glastür des Terminals verschwand.
Vor drei Jahren musste ich den Wagen dann schweren Herzens abmelden. Ich war pleite und konnte mir den Unterhalt einfach nicht mehr leisten. Verkaufen kam für mich nie in Frage. Erinnerungen verkauft man nicht. Stattdessen "parkte" ich den Wagen bei Jan, kurz hinter der deutsch-polnischen Grenze. Zwei, drei Mal im Jahr fuhr ich dort hin, setzte mich eine Weile hinters Steuer und hing meinen Gedanken nach. Für mich war das wie der Besuch bei einem alten Freund. Der Abschied fiel mir jedesmal schwer.
Heute war alles anders. Den lästigen Papierkram auf dem Amt hatte ich schon am Vormittag hinter mich gebracht. Den Garagenschlüssel und das Restgeld für die Miete deponierte ich in einem hastig beschmierten Briefumschlag auf der Fensterbank: "Für Jan". Dann steckte ich den Schlüssel mit dem Stern ins Schloß und drehte. Der Motor sprang sofort an. Here we go!


Vor genau einem Jahr habe ich an dieser Stelle meinen allerersten Eintrag geschrieben. Und obwohl ich in meinem Leben ja gerne manches dem Zufall überlasse, so habe ich den heutigen Tag doch ganz bewusst gewählt. Ich hatte lange auf diesen Anruf gewa
Aufgenommen: Aug 28, 00:02